
Vor der Sphinx stand eines Nachmittags ein Mann. Dieser Mann mußte ein Engländer sein: er trug einen rötlichen Backenbart und einen Strohhut auf dem Kopfe; er hielt ein Fernrohr in der Hand und hatte einen Regenschirm unter dem Arm. Er stand schon lange ganz still da und betrachtete das Steinbild. Seine Miene zeigte die höchste Überraschung.
Ein Bürger der Stadt sah den Engländer vor der Sphinx stehen. Er beobachtete ihn eine Weile von fern; dann trat er neugierig näher und blickte bald auf die Sphinx, bald auf den Fremden. Dieser maß ihn mit einem kühlen Blick und fragte: "Was wünschen Sie?"
"Entschuldigen Sie, mein Herr. Ich beobachte Sie schon eine Weile. Sie scheinen sehr überrascht zu sein. Wollen Sie mir nicht sagen, was an dem Ding da so merkwürdig ist?
"Oh, diese Sphinx ist in der Tat sehr merkwürdig, sie ist in der Tat ganz rätselhaft."
"Merkwürdig? Rätselhaft? Was wollen Sie damit sagen?"
"Sie werden mir nicht glauben, aber ich sage Ihnen: Diese Sphinx wackelt von Zeit zu Zeit mit dem Kopfe."
"Das ist nicht möglich."
"Das dachte ich auch, und dennoch sage ich die Wahrheit - sehen Sie, jetzt -"
"Ich sehe nichts."
"Das wundert mich, denn ich sehe es ganz deutlich. Himmel! - sehen Sie, jetzt hat die Sphinx auch mit dem Schwanze gewedelt."
"Ich will Ihnen einen Rat geben, mein Herr. Gehen Sie so bald wie möglich zu einem Augenarzt. Vielleicht kann der Ihnen helfen."
"Aber sehen Sie doch, jetzt öffnet sie sogar den Mund. Will sie sprechen? Nein, sie gähnt nur."
"Was gibt's denn da?" fragte ein dritter, der jetzt herzutrat.
"Hören Sie nur, der Engländer da glaubt gesehen zu haben, daß die Sphinx mit dem Kopfe wackelt."
"Die Sphinx?"
"Ja - und daß sie mit dem Schwanze wedelt."
"Oho!"
"Und daß sie den Mund aufmacht und gähnt!"
"Lächerlich!"
"Lächerlich? Ich finde es gar nicht lächerlich," rief der Engländer, "diese Sphinx ist verhext!"
"Was ist hier los?" fragte ein vierter, der herzutrat, während andre vewundert stehen blieben.
"Die Sphinx da ist verhext," sagte der dritte, "sie wedelt mit dem Schwanze und wackelt mit dem Kopfe."
"Ha hal" rief der Engländer, "jetzt macht sie wieder den Mund auf und gähnt."
Die Umstehenden schüttelten den Kopf. Immer mehr Leute kamen herzu, um zu sehen was los war. Ihre Zahl wuchs von Minute zu Minute. Bald standen Hunderte vor dem rätselhaften Steinbild. Zwei Parteien bildeten sich, die eine für, die andre wider eine lebende Sphinx. Man lachte, schrie und stritt. Schon wurde in der Ferne die Polizei sichtbar. Da schob sich der Sohn Albions durch die Menge und befand sich bald in einer ruhigen Seitenstraße. Hier stand ein feiner Wagen, und darin saß ein Herr. Dieser lachte vergnügt, als er seinen englischen Freund kommen sah.
"Bravo," rief er, "Sie haben die Wette gewonnen. Aber sagen Sie mir nur, wie war es Ihnen möglich, in so kurzer Zeit eine solche Menschenmenge zusammenzubringen?"
"Lieber Freund, kennen Sie nicht die Macht der Neugier? Sogleich will ich Ihnen die List erzählen"; so sprach der Engländer, stieg ein und der Wagen rollte davon.

German and Indonesian Teaching Resources | 22 July 2002 | Katherine Munro